|
Liebe (von mhd. liebe „Gutes, Angenehmes, Wertes“) ist im
engeren Sinne die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung, die
ein Mensch für einen anderen Menschen zu empfinden fähig ist.
Analog wird dieser Begriff auch auf das Verhältnis zu Tieren
oder Sachen angewendet. Im weiteren Sinne bezeichnet Liebe eine
ethische Grundhaltung („Nächstenliebe“).
Im ersteren Verständnis ist Liebe ein Gefühl oder mehr noch eine
innere Haltung positiver, inniger und tiefer Verbundenheit zu
einer Person, die den reinen Zweck oder Nutzwert einer
zwischenmenschlichen Beziehung übersteigt und sich in der Regel
durch eine tätige Zuwendung zum anderen ausdrückt. Hierbei wird
nicht unterschieden, ob es sich um eine tiefe Zuneigung
innerhalb eines Familienverbundes („Elternliebe“) handelt, um
eine enge Geistesverwandtschaft („Freundesliebe“) oder ein
körperliches Begehren („geschlechtliche Liebe“). Auch wenn
letzteres eng mit Sexualität verbunden ist, bedingt sich auch in
letzterem Falle beides nicht zwingend (z. B. sog. „platonische
Liebe“).
Begriffliches
Ausgehend von dieser ersten Bedeutung wurde der Begriff in der
Umgangssprache und in der Tradition schon immer auch im
übertragenen Sinne verwendet und steht dann allgemein für die
stärkste Form der Hinwendung zu anderen Lebewesen, Dingen,
Tätigkeiten oder Ideen. Diese allgemeine Interpretation versteht
Liebe also zugleich als Metapher für den Ausdruck tiefer
Wertschätzung.
Kulturell und historisch ist „Liebe“ ein schillernder Begriff,
der nicht nur in der deutschen Sprache in vielfältigen Kontexten
und in den unterschiedlichsten Bedeutungsschattierungen
verwendet wird. Das Phänomen wurde in den verschiedenen Epochen,
Kulturen und Gesellschaften unterschiedlich aufgefasst und
erlebt. Jede Zeit und jeder soziale Verband setzt je eigene
Verhaltensregeln für den Umgang mit der Liebe. Daher können die
Bedeutungsebenen zwischen der sinnlichen Empfindung, dem Gefühl
und der ethischen Grundhaltung „Liebe“ wechseln.
Ebenso vielschichtig wie die Bedeutungen der Liebe sind die
Bedeutungen der Antonyme. Im Hinblick auf die emotionale
Anziehung zwischen Personen ist es der Hass. Im Sinne der
Abwesenheit von Liebe kann aber auch die Gleichgültigkeit als
Antagonismus angesehen werden. Im christlichen Verständnis gilt
auch die Angst - als der Mangel oder die Abwesenheit von Liebe
und Geborgenheit - als Gegensatz der Liebe. Fehlentwicklungen
der Liebesfähigkeit sind im Sinne des „reinen“ Liebesbegriffes
das Besitzdenken (Eifersucht) oder verschiedene Formen der
freiwilligen Abhängigkeit bzw. Aufgabe der Autonomie bis hin zur
Hörigkeit.
Liebe als intersubjektive Anerkennung
Liebe wird häufig als eine auf Freiheit gegründete Beziehung
zwischen zwei Personen gesehen, die ihren Wert nicht im Besitz
des adressierten Objekts findet, sondern sich im dialogischen
Raum zwischen den Liebenden entfaltet. Die Liebenden erkennen
einander in ihrer Existenz wechselseitig an und fördern sich
"zueinander strebend" gegenseitig.
Liebe wird teilweise als quasi anarchisches, asoziales und
entgrenzendes Gegenmodell zu den Beschränkungen, Anforderungen,
Funktionalisierungen und Ökonomisierungen der menschlichen
Alltags- und Arbeitswelt aufgefasst. Auch wenn Liebe kein
bewusster oder rationaler Entschluss der Liebenden ist, muss sie
deswegen nicht als irrational betrachtet werden.
Im Sinne des Diskurses der Anerkennung (z. B. John Rawls, Axel
Honneth) enthält Liebe nämlich die von Hegel betonte „Idee der
wechselseitigen Anerkennung“, was ihr ein moralisches Fundament
verleiht. Liebe ist daher für Honneth neben dem Recht und der
Solidarität eines der drei „Muster intersubjektiver
Anerkennung“. Die moralische Grundierung unterscheidet Liebe
daher auch vom reinen Trieb.
Klassifizierungen
Die abendländische Auffassung von Liebe wird von der Dreiteilung
Platons geprägt, die in der antiken Philosophie später ausgebaut
wurde. Sie basiert auf den folgenden Konzepten:
* Eros - bezeichnet die sinnlich-erotische Liebe, das Begehren
des geliebten Objekts, der Wunsch nach Geliebt-Werden, die
Leidenschaft
* Philia - bezeichnet die Freundesliebe, Liebe auf
Gegenseitigkeit, die gegenseitige Anerkennung und das
gegenseitige Verstehen
* Agape - bezeichnet die selbstlose und fördernde Liebe, auch
die Nächsten- und „Feindesliebe“, die das Wohl des Anderen im
Blick hat
Die genauen Bedeutungen und Schwerpunkte der Begriffe haben sich
im Laufe der Zeit verändert, so dass - im Gegensatz zum
ursprünglich Gemeinten - unter „Platonischer Liebe“ heute ein
rein seelisch-geistiges Prinzip ohne körperliche Beteiligung und
Besitzwunsch verstanden wird, dem das leiblich-erotische Modell
von geschlechtlicher Liebe schroff gegenübergestellt wird.
Im Laufe der Zeiten wurden diese Grundformen der Liebe immer
wieder differenziert. So bezeichnet man manchmal die
Interessenliebe als „stoika“, die spielerisch-sexuelle Liebe als
„ludus“, die besitzergreifende Liebe als „mania“ und die auf
Vernunftgründen basierende Liebe als „pragma“. Ein besonderes
Liebesverhältnis stellt in theistischen Religionen auch jenes
zwischen der erbarmenden Liebe Gottes zu den Menschen und der
verehrenden Liebe der Menschen zu Gott dar.
In Anlehnung an diese Dreiteilung kann man die Ausprägungen des
Phänomens der Liebe in Empfindung, Gefühl und Haltung
unterscheiden:
Liebesempfindung
Unter Liebesempfindungen versteht man die primär sinnlichen
Liebesgefühle, insbesondere die Verliebtheit und die sexuelle
Anziehung. Sie stehen in der Regel in Verbindung mit den beiden
anderen Formen der Liebe, können aber auch durch die Wahrnehmung
eines fremden Körpers, d.h. durch visuelle, olfaktorische oder
taktile Reize, ausgelöst werden oder ganz einfach durch den
empfundenen Mangel an einem geliebten Gegenüber. Die
Liebesempfindung steht in enger Verbindung mit der Sexualität,
d.h. sexuellen Wünschen, Bedürfnissen und Handlungen (z. B. dem
Geschlechtsverkehr, auch bezeichnet als „Liebe machen“).
Liebesgefühle
Unter Liebesgefühlen allgemein versteht man ein komplexes,
vielfältiges Spektrum unterschiedlicher Empfindungen und
Haltungen gegenüber verschiedenen Arten von möglichen
Liebesobjekten, in denen die sinnlich-erotische Komponente nur
sekundär von Bedeutung ist. Sie führen zu einer Hinwendung und
Zuwendung zum Anderen, dem Wertschätzung, Aufmerksamkeit und
Zärtlichkeit geschenkt werden.
Sympathie, Freundschaft, Sorge und emotionale Liebe sind
Erscheinungen, in denen Liebesgefühle eine große Rolle spielen.
Ebenso können die kontemplative Liebe (z. B. zur Natur), die
aktive sorgende Liebe um den Nächsten (caritas), die religiöse
bzw. mystische Liebe und das Mitleid hierzu gerechnet werden.
Liebe als Grundhaltung
Liebe als ethische „Geistes-“ oder Grundhaltung, als Tugend, ist
das Paradebeispiel für rational begründete Moralität; eine
Fremdliebe, die eine Interessenbalance zwischen Egoismus und
Altruismus herstellt. Nächstenliebe wird dabei üblicherweise
nicht als altruistische Selbstaufgabe aufgefasst. Bei Immanuel
Kant wird die Liebe als Grundhaltung mit den Begriffen Achtung
und Würde verknüpft. Daraus ergibt sich eine
allgemein-menschliche "Pflicht zur teilnehmenden Empfindung" mit
dem Anderen.
In den meisten Religionen ist die Liebe der zentrale Begriff,
ein wichtiges Gebot im Christentum lautet „Liebe deinen Nächsten
wie dich selbst“ (Markus 12,31; Matthäus 22,39; Römerbrief
13,8–10). Analoges gilt für das Judentum und den Islam. Im
Buddhismus stehen Mitgefühl (d.h. allumfassendes Mitleid und
Mitfreude) und Weisheit im Bezug auf alle fühlenden Wesen (z. B.
auch gegenüber Tieren) im Mittelpunkt.
Art des Liebesobjekts
• Selbstliebe: Selbstliebe wird in der Regel als die
Voraussetzung zur Fähigkeit zum Lieben und zur Nächstenliebe
angesehen, wobei nach Auffassung von Erich Fromm Selbstsucht
Selbsthass bedeute. Selbstsucht äußere sich in der Liebe durch
besitzgieriges Interesse. Fromm behauptet, dass zu starke
Selbstlosigkeit keine Tugend sei, sondern ein Symptom, durch das
unbeabsichtigter Schaden entstehen könne. Pathologische
Selbstliebe wird als Narzissmus bezeichnet.
• Partnerliebe: Die geschlechtliche Liebe kann in
gegengeschlechtliche (Heterosexualität) und
gleichgeschlechtliche Liebe (Homosexualität) unterschieden
werden, und findet oft in Liebesbeziehungen Ausdruck, für die in
heutigen europäischen Kulturen das Ideal der Partnerschaft,
vermischt mit dem ehemals höfischen Ideal der romantischen
Liebe, betont wird. Eine besondere Rolle nimmt in vielen
Gesellschaften die eheliche Liebe ein, die oftmals Exklusivität
für sich in Anspruch nimmt (siehe Monogamie). Nicht auf
exklusiven Zweierbeziehungen beruhende Liebesmodelle (Polygamie)
spielen in außereuropäischen Kulturen und in den letzten
Jahrzehnten auch im Westen („Polyamorie“) eine größere Rolle.
• Familiäre Liebe: Neben der partnerschaftlichen Liebe sind
insbesondere die Liebe zwischen (engen) Verwandten (Vaterliebe,
Mutterliebe, Kindesliebe) und die Freundesliebe in menschlichen
Gemeinschaften von größter Bedeutung.
• Nächstenliebe: Die Nächstenliebe gilt im Sinne von Religion
und Ethik primär den Bedürftigen, während die Philanthropie sie
zur allgemeinen Menschenliebe ausdehnt (vgl. Menschlichkeit).
Die Feindesliebe ist eine im Neuen Testament auf Feinde bezogene
Nächstenliebe, die oft als christliche Besonderheit gilt, aber
in abgeschwächter Form auch in anderen Religionen vorkommt. Noch
weiter geht das Konzept der „Fernstenliebe“.
• Objekt- und Ideenliebe: Insbesondere in jüngerer Zeit ins
Zentrum gesellschaftlicher Begriffe gerückt sind auch
„Tierliebe“ oder die „Liebe zur Natur“. In der weitesten
sprachlichen Auslegung „liebt“ man seine Hobbys oder
Leidenschaften und kann diese dann auch als Liebhaberei oder
Vorlieben bezeichnen. Auch Ideale können demnach geliebt werden,
etwa durch den Begriff „Freiheitsliebe“ dargestellt, aber auch
Zugehörigkeiten wie Vaterlandsliebe (Patriotismus). Diese
Vorlieben können bis hin zu Fanatismus gehen, der Begriff Fan
wird aber heutzutage auch für nichtfanatische Formen der
Bewunderung, Verehrung bzw. Anhängerschaft verwendet.
• Gottesliebe: Eine besondere Rolle nimmt die Gottesliebe ein,
in ihrer allgemeinen Form die Liebe zu einem Gott oder mehreren
Göttern bzw. spirituellen Entität.
• "Objektlose Liebe": Liebe als Grundhaltung benötigt für
christliche Mystiker wie Meister Eckhart kein Objekt. Liebe wird
hier als bedingungsloses öffnen verstanden. Der Philosoph und
Metaphysiker Jean Emile Charon bezeichnet diese „universale“
Liebe gar als „Finalität der Evolution“ und „Selbsttranszendenz
des Universums“.
Ausdrucksformen
Liebe, insbesondere Verliebtheit („Verliebtsein“) kann sich
nonverbal, etwa durch Blicke, Mimik, Unruhe oder Körperhaltung
ausdrücken. Beruht die Liebe auf Gegenseitigkeit, drückt der
Mensch sie durch Zärtlichkeiten, insbesondere Küssen und
Berührungen aus. Die körperliche Vereinigung (Sex) kann dabei
als intimste Ausdrucksform der Liebe dienen.
Verbale Ausdruckformen sind in erster Linie Bezeichnungen der
oder des Geliebten, meistens in Form von Komplimenten und
Koseworten bzw. Kosenamen wie „Liebling“ oder „Schatz“.
Besondere, konventionelle Formen sind die „Liebeserklärung“ oder
der „Liebesbrief“, die auch in der Literatur eine besondere
Würdigung erfahren haben. Auch Rituale wie die Verlobung oder
Symbole wie der Freundschaftsring gehören hierzu.
Das Ideal einer „Liebe als Verehrung“ unter Ausschluss einer
konkreten körperlichen Beziehung gehört eher in die (Literatur-)Geschichte
und fand dort eine besondere Form in der so genannten "hohen
minne", ein Begriff, den Walther von der Vogelweide als
Gegenbegriff zur "nideren minne", also der körperlich erfüllten
Minne, verwendet. In dieser poetischen Form der Liebe bleibt die
"frouwe" unerreichbar.
Wissenschaftliches
Biologie und Physiologie
Der Begriff „Liebe“ ist in der Biologie nicht definiert und
damit keine wissenschaftliche Kategorie. Allgemein ist es
schwierig, emotionale Prozesse mit naturwissenschaftlicher
Methodik zu bearbeiten, zumal die zugrunde liegende Biochemie
noch nicht ausreichend bekannt ist. Gesichert sind beim Menschen
lediglich folgende Erkenntnisse:
Neurobiologie der Verliebtheit
Neueren Untersuchungen des Gehirnstroms und Studien zufolge
bewirkt Verliebtheit in Bereichen des menschlichen Gehirns, die
auch für Triebe zuständig sind, die höchste Aktivität, was
darauf schließen lässt, dass das Gefühl, das gemeinhin als
„Liebe“ (i.S.v. Verliebtheit) bezeichnet wird, in seinem
biochemischen Korrelat einen starken Zusammenhang mit dem
biologischen Trieb aufweist.
Die mitunter sehr lang anhaltenden Wirkungen der Verliebtheit (Limerenz)
deuten aber auch auf neuroendokrine Prozesse hin, die dem
Phänomen zugrunde liegen. Das würde sich auch in das
Entstehungsfeld einfügen, das in der Sexualität zu suchen ist
und die selbst wiederum maßgeblich der diencephalen
neuroendokrinen Steuerung unterliegt. Nicht zuletzt die
endogenen Opiate des Hypophysenzwischenlappens spielen dabei
eine Rolle.
Verliebt sich ein Mensch, so sorgen verschiedene Botenstoffe für
Euphorie (Dopamin), Aufregung (Adrenalin), rauschartige
Glücksgefühle und tiefes Wohlbefinden (Endorphin und Cortisol)
(umgekehrt können Momente, in denen man nicht mit der geliebten
Person zusammen ist, als schmerzhaft empfunden werden) und
erhöhte sexuelle Lust (Testosteron sinkt bei Männern, steigt bei
Frauen). Auch Sexualduftstoffe (Pheromone) werden vermehrt
abgegeben. Hingegen sinkt der Serotoninspiegel stark ab, wodurch
der Zustand der Verliebtheit in diesem Punkt eine Ähnlichkeit
mit vielen psychischen Krankheiten aufweist. Das trägt dazu bei,
dass Verliebte sich zeitweise in einem Zustand der
„Unzurechnungsfähigkeit“ befinden können, sich dabei zu
irrationalen Handlungen hinreißen lassen und Hemmschwellen
abbauen. Nach einiger Zeit (wenige Monate) gewöhnt sich der
Körper an diese Dosen und ganz allmählich (laut WHO maximal nach
24-36 Monaten) beendet das Gehirn diesen sensorischen
"Rauschzustand".
Nach vier Jahren Verliebtheit sind laut internationalen
Statistiken die Scheidungen bei Menschen am häufigsten. Nach
dieser Phase spielen die Hormone Oxytocin und das männliche
Gegenstück Vasopressin, die Vertrautheit und Bindungen
verstärkt, und Endorphine eine Rolle. Nach etwa 2-4 Jahren muss
die Verliebtheit in eine andere Form der Liebe übergehen, in der
Beziehung der Partner eher vom freundschaftlichen Ausleben
gemeinsamer Interessen geprägt sein muss, denn die berauschenden
Hormone können ab einem bestimmten Punkt ihre Wirkung nicht mehr
entfalten. Als Folge stellt der Körper ihre Produktion ganz ein.
„Enzugserscheinungen“ können die Folge sein; nun treten auch
viele vormals nicht störende Eigenschaften beim Partner offen
zutage. Aus rein hormoneller Sicht wäre eine Trennung nun oft
ebenso vorteilhaft wie ein weiteres Zusammenbleiben, um die
Kinder aufzuziehen.
Evolutionsbiologie der Liebe
Das vertiefte Gefühl der Liebe ist aus evolutionsbiologischer
Sicht möglicherweise im Zusammenhang mit der Sexualität
entstanden, wobei die Liebe es ermöglichte, die erfolgte
Partner-Selektion und damit die Paarbeziehung über längere
Zeiträume zu stabilisieren. Es sind zwar bei vielen Tierarten
monogame Paarbeziehungen bekannt (z. B. auch bei den Graugänsen
von Konrad Lorenz), aber ob diese Tiere dabei so etwas wie
„Liebe“ empfinden, ist wohl eine aus erkenntnistheoretischen
Gründen unbeantwortbare Frage.
Im Rahmen des Konzepts der biologischen Determiniertheit
entsteht Liebe zwingend aus bestimmten körperlichen Reaktionen.
Viele Menschen empfinden diese naturwissenschaftliche Einengung
der Liebe auf körperliche Funktionszusammenhänge als
unzureichende Beschreibung eines inneren Phänomens bzw.
subjektiven Erlebens.
Psychologie und Psychiatrie
Die Psychologie beschäftigt sich mit den zahlreichen Spielarten
der Liebe und des Liebesentzuges.
Nach Auffassung der Evolutionspsychologen werden Frauen und
Männer bei der Partnerwahl von Vorlieben regiert, die sich über
Millionen von Jahren von unseren Vorfahren auf uns weitervererbt
haben. Diese „Steinzeit-Psyche“ soll Frauen auf starke oder
statushohe Beschützer-Typen reagieren lassen; Männer dagegen auf
junge, hübsche Frauen. Schönheit gelte bei beiden Geschlechtern
offenbar als Indiz für „gesunde Gene“, wie auch Humanethologen
bestätigen. In diesem Zusammenhang wurde auch vielfach
untersucht, was „Schönheit“ in diesem Zusammenhang bedeutet,
welche körperlichen Merkmale für beide Geschlechter als
attraktiv gelten („Durchschnittlichkeit“ als Ideal).
Die Psychiatrie befasst sich unter dem medizinischen Aspekt mit
dem Phänomen. So wird zum Beispiel die Psychopathologie des
„Liebeswahns“ im Zusammenhang mit paranoischen Vorstellungen
diagnostiziert (vgl. Wahnsinn).
Soziologie
Allgemeines
Es liegen in der Soziologie mindestens vier substantielle,
thematisch einander eher ergänzende Ansätze zur Liebe vor. Sie
betonen mehr oder weniger die „liebalen“ Aspekte Kommunikation
(Interaktion) und Semantik. Demnach wird Liebe definiert als
Emotion (z. B. Jürgen Gerhards), Kulturmuster (z. B. Niklas
Luhmann), Intimsystem (Becker/Reinhard-Becker/Fuchs) und
nicht-kognitive Form kommunikativer Praxis (Günter Burkart,
Cornelia Koppetsch).
„Liebe“ wird u.a. als ein gesellschaftlich wirkendes Symbol für
Interaktionen betrachtet (vgl. Symbolischer Interaktionismus)
und auf seine soziale Funktion hin untersucht. Die Soziologie
untersucht zahlreiche Einzelformen der Liebe, etwa die
„romantische“ Liebe, die „Liebe“ im Bürgertum, die
„Mutterliebe“, die „Vaterlandsliebe“ (oft als Ideologie), die
Bezüge zwischen Liebe, Gewalt und Macht u. a. m. Unter den
gegenwärtigen Soziologen behandelt z. B. Bálint Balla Liebe in
seiner Soziologie der Knappheit eingehend, Horst Herrmann
untersucht die (geschlechtsspezifischen) Zusammenhänge von Liebe
und Gewalt sowie die gesellschaftlich wirkenden Modelle heutiger
Liebesbeziehungen.
Auch hat die Soziologie angrenzende soziale Bräuche wie die
Koketterie (Georg Simmel) oder den Flirt untersucht.
Systemtheoretische Ansätze
Die Systemtheorie nahm eine einschneidende Begriffsverengung
vor, indem sie Liebe neu als eine „gesellschaftliche Semantik“
bzw. als Code des Miteinander-Umgehens definierte. So
formulierte Niklas Luhmann in Liebe als Passion (1982)
romantische Liebe als ein Phänomen der Moderne, welches seine
Grundlegung vor allem im Bürgertum des 18. Jahrhunderts erfährt.
Liebe fungiert – nach Luhmann – in der heutigen funktional
ausdifferenzierten Gesellschaft in erster Linie als „symbolisch
generalisiertes Kommunikationsmedium“, das unwahrscheinliche
Kommunikation wahrscheinlich machen soll. Die Gesellschaft
differenziert sich immer stärker in einzelne Teilbereiche. Jedes
einzelne Individuum ist nicht mehr nur in einem Bereich, z. B.
der Familie verwurzelt, sondern in vielen Teilbereichen, etwa
Freizeit oder Beruf. Auch ist es immer auch nur zu einem Teil
verortet und bewegt sich ständig zwischen verschiedenen
Bereichen hin und her. Auf Grund dieser kommunikativen „Polykontexturalität“
erschwere sich die identitätsbildende Interaktion.
Dem Einzelnen fällt es vor diesem Hintergrund zunehmend
schwerer, sich selbst zu bestimmen. Hinzu kommt, dass diese
Individualität und Identität im kommunikativen Austausch mit
anderen bestätigt werden muss. Diese „höchstpersönliche“
Kommunikation nimmt in einer derart ausdifferenzierten
Gesellschaft aber ständig ab, denn zum einen wird durch die
Vielzahl an Rollen in den beschriebenen Teilbereichen (z. B. als
Tochter, Sekretärin, Freizeitsegler, etc.) dort auch nur
unpersönliche Kommunikation erfahren, und zum anderen begreift
sich der Mensch als Individuum, also etwas Besonderes,
Einzigartiges, anders als die Anderen. Angesichts dieser
Entwicklung ist es nicht nur schwierig, miteinander in Kontakt
zu treten, es wird auch schwierig, einander überhaupt noch zu
verstehen bzw. die Motivation zu finden, sich auf einen doch so
Besonderen, Anderen einzulassen. Genau dieses Problem zu
bewältigen ist – in dieser Theorie – Aufgabe der Liebe. Fuchs
definiert Liebe daher als "wechselseitige Komplettannahme im
Modus der Höchstrelevanz". Liebe als Kommunikationsmedium
motiviert dazu, sich dem Anderen unter Ausblendung von
Idiosynkrasien in seiner "Ganzheit" zu nähern und nicht unter
der verengenden Perspektive des jeweiligen Sozialsystems (z. B.
als Freizeitsegler). Durch diese Komplettannahme entsteht eine
wechselseitige Bestätigung des „Selbst-Seins“ und des jeweiligen
„Weltbezugs“ .
Liebe, bzw. genauer das Intimsystem, das im Medium Liebe
operiert, ist eine Vorform des Sozialsystems „Familie“, dem
grundlegende gesellschaftliche Funktionen zukommen (nämlich
Reproduktion und Sozialisation). Des Mediums Liebe bedarf es, da
unwahrscheinliche Ereignisse (zwei Menschen begegnen sich unter
Millionen anderen und begründen und stabilisieren ein
Zusammenleben) erwartbar gemacht werden müssen. Liebe ist also
wie Geld oder Macht ein so genanntes Steuerungsmedium, das die
Chance auf das Eintreffen unwahrscheinlicher Sinnzumutungen
steigert. Überraschend ist dabei jedoch, dass Intimsysteme auf
dem paradoxen, komplexen und sehr täuschungsempfindlichen Medium
Liebe basieren.
Sonstige Aspekte
Wesentlich ist im sozialen Kontext die Unterscheidung zwischen
der einseitigen und der gegenseitigen Liebe. Erstere hat ihren
Spezialfall in der im Volksmund so genannten unglücklichen Liebe
(vgl. Liebeskummer).
Viele Bezeichnungen für Fachgebiete sind, ebenso wie eine Reihe
anderer Begriffe, auf dem Präfix phil- aufgebaut. Hierzu zählen
insbesondere die „Philosophie“ (ursprünglich: „Liebe zur
Weisheit“) und die „Philologie“ (ursprünglich: „Liebe zu
Sprachen“). Die „Philatelie“ sei stellvertretend für andere
Sammelleidenschaften genannt, der Name „Philipp“ („Philhippos“,
verschiedene Schreibweisen) bedeutet „Pferdeliebhaber“.
Einen christlichen Standpunkt innerhalb der Existenzphilosophie
vertritt Gabriel Marcel in "Sein und Haben": Der Mensch
existiert ursprünglich nicht in der Abgrenzung, sondern der
Teilhabe am Mitmenschen und am göttl. Sein, in dieser
Seinsteilhabe verwirklicht sich die Liebe, die sich vorbehaltlos
öffnet, wenn sich der Mensch in einer innerlichen, dem Sein
hingebenden Andacht, diesem gewahr wird.
Polytheistische Religionen kennen zumeist Göttinnen, denen die
Liebe zugeordnet wird und die sie befördern (vgl. Aphrodite,
Hera). In monotheistischen Religionen ist die Allliebe Gottes
eine seiner Eigenschaften; da er aber auch Zorn oder Eifersucht
zu seinen Eigenschaften zählt, hat die Theologie hier ein
komplexes Arbeitsfeld. Selbst in der negativen Theologie, wie
auch in der Mystik wird als einzige Aussage über das Unsagbare
in der Regel dennoch die Feststellung Gott ist die Liebe
anerkannt; vgl. dazu auch die Natürliche Theologie.
Quelle: Wikipedia.de
|